Agiles Prozessmanagement für IT Unternehmen

Mai 22, 2007

Geschäftsregeln im Kontext der Prozessmodellierung

Filed under: Business Rules,Prozesse — Armin Guenther @ 21:27

Da keine einheitliche Definition des Begriffs Geschäftsregel existiert, muss zunächst geklärt werden wie der Begriff im Rahmen dieser Arbeit aufgefasst wird. Der Begriff wird meist technisch bei der Entwicklung von Informationssystemen verwendet. Eine ausschließliche Fokussierung bspw. auf die Sicherstellung der Integrität in Datenbanken vernachlässigt die betriebswirtschaftliche Sichtweise des Begriffs. Geschäftsregeln beschreiben eben auch wie ein Unternehmen organisiert ist und wie es den Geschäftszweck erfüllt. Regeln werden also zunehmend als Aussagen über die Art und Weise der Geschäftsabwicklung verstanden. Geschäftsregeln enthalten Informationen über Anforderungen an Abläufe in einer Organisation. Endl setzt Geschäftsregeln mit organisatorischen Regeln gleich, da beide die effiziente Durchführung der Geschäftsprozesse als Ziel haben und somit Richtlinien und Restriktionen darstellen, die sich auf Zustände aber auch auf Prozesse beziehen und die Geschäftslogik beschreiben. Geschäftsregeln bilden daneben wichtige Bausteine von wissensorientierten Unternehmen.

Um mit Geschäftsregeln Systeme und Informationssysteme modellieren zu können, müssen diese bestimmt Kerneigenschaften aufweisen, damit sie im Sinne von Modellierungselementen verwendet werden können und das angestrebte Nutzenpotential erschlossen werden kann:

  • Orientierung an Geschäftsprozessen: Geschäftsregeln müssen die Geschäftslogik enthalten. Eindeutigkeit und Präzision bei der Beschreibung der Regeln ist hierbei notwendig.
  • Deklarative Beschreibung: Die Geschäftsregeln beinhalten nicht den konkreten Lösungsweg im Einzelfall.
  • Formuliert in natürlicher Sprache: Hierdurch ist vorerst keine Übersetzung notwendig.
  • Atomare Regeln: Eine einzelne Regel darf keine andere Regel enthalten. Dies ist jedoch nur auf der untersten Modellierungsebene möglich. Allgemein gehaltene oder globale Regeln können andere Regeln beinhalten.
  • Nachvollziehbarkeit: Der Entstehungshintergrund und die Herkunft der Regel sollte bekannt sein und festgehalten werden. Ist eine Regel aus einer anderen Regel abgeleitet worden, so sollte dies feststellbar sein.
  • Strukturiertheit: Es sollten einheitliche Formulierungen gewählt werden um die Vielfalt und damit die Komplexität zu reduzieren.

Für eine Regelmenge die einen bestimmten abgegrenzten Unternehmensbereich, z.B. einen Geschäftsprozess, beschreibt sollten ebenso bestimmte Eigenschaften eingehalten werden. Zuerst müssen die Regeln den Realitätsausschnitt umfassend beschreiben. Dabei dürfen sich die einzelnen Regeln jedoch nicht überschneiden oder widersprechen. Damit bei einer Veränderung des Unternehmensbereichs eine Regelanpassung stattfindet, und die Regeln weiterentwickelt werden, müssen Verantwortlichkeiten für einzelne Ausschnitte der Realität und der damit verbundenen Regeln festgelegt werden.


Abbildung: Formale Beschreibung von Geschäftsregeln in EA, ECA, ECAA Notation

 

Abläufe mit der ECAA Notation modellieren

Ähnlich wie bei der Ereignisgesteuerten Prozesskette entstehen regelbasierte Abläufe dadurch, dass bei der Ausführung des Aktionsteils der Regel ein Ereignis eintritt, welches andere Regeln auslösen kann. Die Möglichkeiten der Modellierung von Sequenzen, Selektionen, Iterationen und Parallelitäten durch Geschäftsregeln werden im Folgenden erläutert. Dabei zeigen Folgepfeile innerhalb der Aktionskomponente die „auslösende Funktion“ dieser an. Es tritt ein (Folge-)Ereignis, welches für eine andere Regel relevant ist, ein.

Sequenz: Einfache Sequenzen werden durch die EA Regel modelliert. Im Aktionsteil dieser Regel tritt ein Ereignis ein, dass für die nächste Aktivität relevant ist.

Abbildung: Modellierung einer Sequenz mit Geschäftsregeln

Selektion: Ebenso wie bei der EPK kann eine Selektion sowohl exklusiv mit einem XOR oder nicht exklusiv mit einem OR modelliert werden. Man spricht hier auch von einem XOR bzw. OR-Split. Die ECAA Regel beinhaltet immer einen XOR Split, da nach der Bedingungsprüfung (IF) immer eine der beiden Aktionen ausgeführt wird. Die Zusammenführung des Splits ist durch folgende Möglichkeiten zu realisieren:

  • Die aufgeteilten Abläufe lösen jeweils ein identisches Ereignis aus. Damit „fließen“ die alternativen Abläufe wieder zusammen.
  • Die alternativen Abläufe werden in einer folgenden Geschäftsregel mit einer Disjunktion (Im Kontext der regelbasierten Modellierung werden komplexe Ereignisse die durch einen XOR oder durch einen ODER verknüpft sind als Disjunktionsereignisse bezeichnet) verbunden.

Für weitere Spezifikationen alternativer Teilprozess sei auf Knolmayer u.a. (Vgl. Knolmayer u.a. 1997, S. 16 f)
verwiesen.

Iteration: Durch den XOR Split lassen sich auch iterative Abläufe modellieren, indem in einem der Aktionsteile einer ECAA Regel ein Ereignis ausgelöst wird, das wiederum eine Regel aktiviert, die im Ablauf des Prozesses schon einmal aktiviert wurde.

Parallelität: Parallele Abläufe können grundsätzlich durch zwei Konstruktionsideen modelliert werden:

  • Mehrere Regeln werden durch dasselbe Ereignis ausgelöst. Nach Eintreten dieses Ereignisses werden alle aktivierten Geschäftsregeln parallel ausgeführt.
  • Im Aktionsteil einer Regel werden mehrere konjunktiv (AND) verknüpfte Ereignisse aktiviert. Diese wiederum sind Auslöser (event) paralleler Abläufe

Zusammengeführt werden die parallelen Teilprozesse, indem in einer weiteren Regel im Eventteil die letzten Aktionen (bzw. deren (Folge-)Ereignisse) der parallelen Prozesszweige konjunktiv verknüpft werden.

Der ECAA Ansatz kann, um in der Unternehmensmodellierung mehr Relevanz zu erlangen, um strukturelle Aspekte (Zuordnung einer Organisationseinheit zu einer Regel oder Regelkomponente, Erweiterung um ein Informationsobjekt, Beschreibung der verbundenen Arbeitsschritte) sowie um temporale Aspekte (Gültigkeitszeiten von Ereignissen, Reaktion auf in einem bestimmten Zeitintervall nicht eingetretenes Ereignis) erweitert werden.

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